Interview

"Man muss dem Schönheitsideal gebräunter Haut entgegenwirken"

Interview mit Dr. med. Anja Wysocki, Co-Chefärztin Dermatologie und Leiterin Hauttumorzentrum LUKS

In den Kantonen Luzern, Uri, Ob- und Nidwalden entfallen im Durchschnitt 8 Prozent aller Krebsneuerkrankungen auf schwarzen Hautkrebs. Zwischen 2018 und 2022 wurden in den vier Kantonen jährlich im Schnitt 232 neue Fälle und 20 Todesfälle registriert. Die Zahl der Neuerkrankungen nimmt seit mehreren Jahren kontinuierlich zu. Wie erkennt man Hautkrebs und wie kann man sich gegen ihn schützen? LUSTAT hat im Hauttumorzentrum des LUKS nachgefragt.

Frau Dr. med. Wysocki, welche Arten von Hautkrebs gibt es, und worin unterscheiden sie sich?
Es gibt den schwarzen und den weissen Hautkrebs.
Schwarzer Hautkrebs, das Melanom, entwickelt sich aus den Pigmentzellen der Haut. Die Krebszellen treten entweder neu auf der Haut auf oder entwickeln sich aus einem bestehenden Muttermal. Sie können sich über die Lymph- oder die Blutbahnen ausbreiten und in allen Organen Metastasen bilden.
Bei weissem oder hellem Hautkrebs ist das Basalzellkarzinom mit Abstand am häufigsten. Es bildet keine Metastasen, wächst jedoch ohne Behandlung ungebremst. Am zweithäufigsten ist das Plattenepithelkarzinom. Es kann im fortgeschrittenen Stadium selten metastasieren. Darüber hinaus treten bei hellhäutigen Europäern sehr häufig Hautkrebsvorstufen infolge jahrzehntelanger Sonnenexposition auf. Die Crèmes und Lichttherapien, die zu deren Behandlung zur Verfügung stehen, sind sehr effektiv.

Welche Personen haben ein erhöhtes Risiko für Hautkrebs?
Risikofaktoren für beide Krebsarten sind Immunsuppressionen (z.B. nach Organtransplantation oder durch Medikamente) sowie UVA- und UVB-Strahlung von Sonne oder Solarium. Dass sich jemand stark der Sonne aussetzt, kann auch berufliche Gründe haben. Berufsgruppen, die im Freien agieren, sind besonders gefährdet und müssen sich gezielt schützen. Hier gilt der Merksatz der Krebsliga Schweiz: “Die Sonne scheint nicht nur am Strand!”
Beim schwarzen Hautkrebs erhöhen zudem der helle Hauttyp, bereits bestehende Melanome in der Familie oder bei sich selbst sowie viele (>100) in Form und Farbe unregelmässige Pigmentmale die Gefahr zu erkranken. Beim weissen Hautkrebs muss die Anzahl und das Ausmass der Vorstufen wie auch die eigene Vorgeschichte beachtet werden. Auch frühere Röntgenbestrahlungen können das Risiko erhöhen.

Woran ist Hautkrebs zu erkennen? Gibt es typische Warnzeichen?
Um schwarzen Hautkrebs von einem gutartigen Muttermal zu unterscheiden, kann man auf die ABCD-Regel zurückgreifen (Asymmetrie, Begrenzung, "Colour" respektive Farbe und Dynamik). Ob eine Stelle verdächtig ist, ist dennoch schwierig zu entscheiden. Hat man das Gefühl, ein Muttermal verändert sich, sollte man es einem Arzt zeigen.
Beim weissen Hautkrebs kann zunächst sehr diskret eine rötliche Schuppung oder Verhärtung der Haut auftreten, später auch ein kleines Knötchen. Es kann zu spontanen Blutungen oder Schmerzen bei Berührung kommen oder – bei fortgeschrittenen Formen – zu offenen Wunden oder Krustenbildung.

Was kann man bei Verdacht auf Hautkrebs tun?
Die verdächtige Stelle einem Arzt zeigen! Für eine erste Einschätzung dient auch die Online-Hautberatung des LUKS. KI-unterstützte Bildanalysen zur Selbstdiagnose sind derzeit noch nicht praxistauglich. Der Dermatologe vor Ort sieht sich immer die ganze Haut an und ermittelt das individuelle Risiko anhand der Eigen- und der Familiengeschichte, dem Lichtschaden der Haut sowie den verschiedenen Muttermalen. Bei Verdacht auf Hautkrebs wird meist eine kleine Hautprobe entnommen.

Was passiert nach der Diagnose und wie gut sind die Heilungschancen?
Sowohl der schwarze als auch der weisse Hautkrebs kann im Anfangsstadium in örtlicher Betäubung operiert werden und ist damit in aller Regel geheilt. Beim Melanom wird ab einer gewissen Tumordicke der Wächterlymphknoten entnommen und weiter untersucht. Beim weissen Hautkrebs führt die frühe Operation kleiner Tumoren – gerade im Gesicht, in der Nähe von Augen, Nase und Ohren – meist zu einem kosmetisch und funktionell guten Ergebnis. Bei betagten Patienten/-innen, die keine Operation wünschen, ist auch die Strahlentherapie effektiv.
Komplexe Hautkrebsfälle mit schwer zu operierenden oder bereits metastasierten Tumoren besprechen wir am LUKS wöchentlich mit Vertretern aller relevanter Fachbereiche an unserem Hauttumor-Board. Wir decken so interdisziplinär das gesamte Feld von der Diagnostik bis zur Therapie bestmöglich ab. Erfreulicherweise kann heute auch fortgeschrittener und metastasierter Hautkrebs oft mit Immun- oder zielgerichteter Therapie wirksam kontrolliert werden.

Was würden Sie unseren Lesern/-innen mitgeben, um sich vor Hautkrebs zu schützen?
Am wichtigsten ist es, sich konsequent vor Sonneneinstrahlung zu schützen. Die Haut sollte möglichst mit Kleidern bedeckt sein; auch Sonnenhut und -brille sind wichtig. Auf alle unbedeckten Stellen ist mehrmals täglich ausreichend Sonnencrème mit Schutzfaktor 50+ aufzutragen. Ausserdem ist es gut, wann immer möglich Schatten aufzusuchen, insbesondere zur Mittagszeit. Es sollten auch mehr Schattenplätze geschaffen werden im öffentlichen Raum. Auch ist dem Schönheitsideal der gebräunten Haut entgegenzuwirken, denn es gibt tatsächlich keine gesunde Sonnenbräune. In Bezug auf Kleinkinder hat die Bevölkerung die Wichtigkeit der Primärprävention erkannt und setzt sie überwiegend gut um. Bei Jugendlichen ist jedoch Aufklärung erforderlich, insbesondere an Schulen und in Sportvereinen. Die gute Nachricht ist: Niemand ist zu alt, sich selbst zu schützen.

Hauttumorzentrum des Luzerner Kantonsspitals LUKS

Das Hauttumorzentrum am LUKS ist Teil des Tumorzentrums und vereint die Kompetenzen unterschiedlicher Fachdisziplinen. Es bietet zusammen mit den zertifizierten Organzentren, Kliniken und Institutionen die bestmögliche Therapie für Hautkrebspatienten/-innen. Wöchentlich findet das interdisziplinäre Hauttumor-Board statt, an dem neben der Dermatologie alle diagnostisch und therapeutisch relevanten Fachexperten/-innen anwesend sind (plastische Chirurgie, medizinische Onkologie, Radioonkologie, ORL, Radiologie und Dermatohistopathologie).
Schwerpunkte des Hauttumorzentrums sind Früherkennung verschiedener Hauttumoren und deren Vorstufen; Beratung, Behandlung und Nachsorge der Patienten/-innen; intensive Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten, besonders auch in der Nachsorge; interdisziplinäre Fallbesprechung am Tumor-Board, wo wichtige therapeutische Entscheidungen nach Beratung des Expertenteams getroffen werden; aktuelle lokale und systemische Therapieverfahren sowie neue Therapien im Rahmen klinischer Studien; psychoonkologische, psychosoziale und palliative Betreuung von Patienten/-innen.